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Leseprobe aus „Das Buchzeichen”

Ein Blick ins Buch

Am Anfang war das Haar. Ein langes, goldblondes Frauenhaar, das ich in einem Buch fand mit dem Titel „Wunderbilder und Träume“. Eine antiquarische Ausgabe, im Internet bestellt. Ich arbeite seit längerem an einer Studie über Schriftstellerinnen der Goethe-Zeit. Sophie Bernhardi, die Autorin der Erzählungen, gehört zu diesen. Mir war ihr Name bekannt als Schwester Ludwig Tiecks und zeitweilige Freundin von August Wilhelm Schlegel, aber ich hatte nie etwas von ihr gelesen. Das würde ich jetzt nachholen. Und das Haar, das oben wie unten weit aus dem Buch herausragte, schuf einen zusätzlichen Anreiz. Ganz offensichtlich handelte es sich um ein Buchzeichen.

Ich schlug das Buch auf und fand das Haar auf der Startseite der Erzählung „Die Blume der Liebe“. Was hatte das zu bedeuten? Wer war die Frau, der dieses Haar gehörte? Und warum kam es gerade an diese Stelle? Meine Neugier war geweckt. Ich stürzte mich geradezu in die Lektüre der Geschichte. Sie handelt von einem Paar, das auf verschlungenen Wegen zueinander findet. Fernando trifft Rosalia zuerst in einer mondhellen Nacht auf dem Wasser inmitten einer lustig singenden Schar, als sein Boot mit dem ihren durch Unachtsamkeit seiner Freunde zusammenstößt. Sie ist verschleiert, macht ihn aber sofort liebeskrank. Eine Blumenkette und ein rosafarbenes Band, auf dem eine Eloge auf Rosalia geschrieben steht, tun ein übriges. Ein Greis, der in seinem Garten auftaucht, sich als sein früherer Retter ausgibt und in Wahrheit sein Vater ist, den er nie gekannt hat, bringt die weitere Geschichte in Gang und schließlich zu einem guten Ende.

Seltsam, sehr seltsam das Ganze, die Erzählung geradezu labyrinthisch. Sie zu analysieren wollte ich mir aber Zeit lassen. Den Essay, der in einem Jahrbuch erscheinen soll, muss ich erst in einem Jahr abliefern. Im Augenblick war eine andere Frage viel drängender: Warum hatte die mutmaßliche Leserin ausgerechnet ein Haar als Buchzeichen verwendet und was hatte es gerade auf dieser Seite zu bedeuten? Es gab natürlich eine ganz profane Erklärung: Sie war bis zu dieser Stelle im Buch gelangt und hatte, um beim Weiterlesen nicht lange suchen zu müssen, in Ermangelung eines Lesebändchens kurz entschlossen ein Haar eingelegt. Oder – das war schon spannender – sie hatte das ganze Buch ausgelesen, aber gerade diese Geschichte war ihr so wichtig, dass sie noch einmal auf sie zurückkommen wollte ...